Herkunft

Ohne Herkunft gibt es keine Zukunft
Darüber sind sich Philosophen, Soziologen und Politiker - ausnahmsweise – einig. Was aber Herkunft ist und bedeutet, da gehen dann die Meinungen wieder auseinander. Ich will das hier nicht weiter untersuchen.
Denn hier geht es um meine Herkunft, und das Nachdenken darüber führt zunächst einmal zu der Frage „wer bin ich?“ Dazu läßt sich noch relativ leicht etwas sagen, wenn es nur darum geht, zu beschreiben, wie ich heiße, wo und wann ich geboren bin, und was ich so im Laufe meines Lebens gemacht habe. Darüber erzähle ich ein bißchen etwas im Abschnitt „Mein Leben“.
Etwas schwieriger wird es schon, zu beschreiben, was und wie ich denke und fühle. Dabei kommt man, zumal in meinem Alter, recht schnell ins Grübeln. Und dabei landet man sehr bald bei der Frage: „wo komme ich her?“

Für mich als Naturwissenschaftler mit starker Neigung zum Philosophieren hat diese Frage mindestens zwei Aspekte:

1. Woher komme ich als Mitglied der Art oder Spezies Mensch als Teil der ganzen Natur?
2. Woher komme ich als Einzelwesen und individuell verantwortliche Person?

Mir ist schon klar, daß diese zwei Fragen eng zusammenhängen. Dennoch will ich sie erst einmal getrennt betrachten. Denn auf die erste Frage weiß heute die Naturwissenschaft Einiges zu antworten, wofür es inzwischen viele handfeste Beweise gibt. Bei der zweiten Frage hilft mir die Naturwissenschaft, wie auch die Geisteswissenschaften, auch heute nicht viel weiter.

Zur 1. Frage
Seit Charles Darwin verstehen wir uns Menschen als eines von vielen Ergebnissen einer Entwicklungsgeschichte der Natur, die sehr, sehr weit in die Anfänge des Lebens auf der Erde zurückreicht, das heißt nach heutigem Stand der Wissenschaft viele hunderte von Millionen Jahre. Und unsere menschlichen Vorfahren werden immer älter je länger darüber geforscht wird. Zur Zeit wird das Alter des „home sapiens“ auf die Größenordnung von 150.000 Jahre angesetzt. Für mich ist aus diesen Ergebnissen der Naturwissenschaft vor allem wichtig, daß auch in mir die gesamte Geschichte des Lebens mit und weiter lebt. Aber 150.000 Jahre Geschichte des „home sapiens“ kann ich mir rational einfach nicht mehr vorstellen, weil dazu alle Vergleichsmaßstäbe aus meinem eigenen Leben fehlen. Nur eines wird klar: unser Weg in der Geschichte der irdischen Natur war so sehr lang, daß überhaupt nicht einzusehen ist, daß dieser Weg heute oder morgen, sprich in für uns als menschliches Individuum überschaubaren Zeiträumen, zu Ende ist. Und überschaubar sind für mich gerade noch die Zeit von der Geburt meines Großvaters, den ich noch kannte, bis zum Ende des Lebens meiner Enkelkinder in vielleicht 70 – 80 Jahren. Das wären dann rund 200 Jahre.

Zur 2. Frage
Wie gesagt, meine Vorstellungsmöglichkeit reicht bis zu meinen Großeltern. Und davor kann ich noch ein bißchen etwas erfahren aus den Familien-Stammbäumen. Danach stammt mein Großvater väterlicherseits aus der fränkischen Schweiz, ca. 40 km entfernt von Nürnberg, wo ich heute lebe. Die Großmutter väterlicherseits stammt aus Niederbayern, ca. 120 km von Nürnberg entfernt. Die Vorfahren dieser Großeltern stammen ebenfalls aus diesen Räumen, also insgesamt ein geographisch-kulturell überschaubarer Bereich, mit dem mich auch viel persönliche Erfahrung verbindet. Wenn ich dann noch lerne, daß die Vorfahren meines Großvaters wohl über viele Generationen Wald- und Jagdhüter waren, dann erklärt mir das etwas meine große Liebe zu Wald und Bergen und mein Gefühl der Geborgenheit in dieser Natur.
Nicht ganz so einfach ist die Geschichte meiner Vorfahren mütterlicherseits. Wenn die noch vorhandenen Informationen stimmen, kamen Großvater wie Großmutter aus der Tradition der Herrenhuter Brüdergemeinde, also aus Böhmen, und davor vielleicht sogar aus den österreichischen Alpen. Das immer wieder Weiterziehen war ein Grund-Charakteristikum ihres Lebens, das sich bis auf meine Mutter übertrug und das auch noch Teil meines Lebensweges und der von mir gegründeten Familie wurde.

Vielleicht kommt auch aus dieser Herkunft mein ausgeprägtes Bedürfnis nach selbständigem Denken. Und selbständiges Denken und Herumziehen bedingen sich ja wohl gegenseitig.
Mit diesem sich Erinnern an meine Vorfahren in noch nachvollziehbarer Zeit entsteht ein erstes Verständnis einer Herkunft, das mir einige Grundzüge meines Selbstverständnisses zumindest plausibel macht. Immerhin macht es aus dieser Herkunft Sinn, daß ich Naturwissenschaftler wurde. Es macht auch Sinn, daß ich bei der Wissenschaft von der Natur nicht stehen geblieben bin und mich schon als Schüle auch für Philosophie und Religion als Gebiete des selbständig denkenden Lernens interessierte. Da lassen wohl die Herrenhuter Brüder grüßen. Und doch war und ist der Grundantrieb meines Suchens und Lernens seit Schülerzeiten, das Bedürfnis, die Natur zu verstehen. Und dabei bedeutete Verstehen immer sowohl objektives Verstehen und Nachvollziehen wie auch subjektives, persönliches Erleben.
Was Wunder, daß ich nun schon seit rund 40 Jahren versuche, objektives Wissen und subjektives Empfinden in der Harmonik zusammenzuführen.